ÜBER DEN AUTOR



Nachdem sich Horus W. Odenthal zunächst durch seine Comics bekannt wurde, die in Deutschland und Amerika erschienen, hat er sich nun derreinen (bilderlosen) Literatur zugewandt und ist Verfasser phantastischer Romane. 

Seine Comics erscheinen jetzt wieder neu als eComics bei Mad Dog Comics.


1962 geboren, verbrachte Horus W. Odenthal die ersten Jahre seiner Kindheit in Kirchherten, einem jener Dörfer der Westdeutschen Eastbumblefuck-Tiefebene, bei denen es normal ist, das jeder dieser Siedlungsflecken zweigeteilt ist – in diesem Fall durch eine Bahnlinie –, einen (rivalisierenden) Namensbruder hat – in diesem Fall Grottenherten –, jede dieser Dorfhälften seine eigene Kirmes hat (die in Grottenherten hatte sogar einen Namen, Margaretenkirmes, war dafür aber mickriger, unbedeutender, und ihre Schlägereien weniger weltbewegend – fand jedenfalls jeder in Kirchherten) und die ganze Tristesse dann von Weilern und Höfen umgeben ist. Es gab einige Kneipen, die wohlfeile davon direkt gegenüber der baumumstandenen Kirche hieß Deutsches Haus, die anderen hatten Spitznamen, die sich an ihren Inhabern, Maskottchen oder Thresen(de)relikten (in manchen Fällen austauschbar oder in Personalunion) orientierten, eine davon stand direkt auf der Demarkationslinie zwischen beiden Dorfhälften. Als noch ein Zug fuhr, den man das Amelter Arnöldchen nannte, war sie die Bahnhofsgaststätte; diese Bedeutung (und ihre Existenz) verlor sie nach der Stilllegung der Strecke.      

Bahnhof, samt Gaststätte


Deutsches Haus


Das Dorf hatte eine Brauerei, deren Maskotchen aus unerfindlichem Grund einen Tropenhelm trug, und etliche Originale, von denen eines Schnotter-Dolfes genannt wurde, was übersetzt etwa Rudolf Schnupfen heißt, von denen aber etliche auch die Vergangenheit bevölkerten und deren Geschichten legendär waren, z.B. das klerikale Antagonistenpaar des Kaplans Jeanmar (genannt “der Schangmah”) und des Pastors Biesenbach, deren Rivalität eine mythologische Tiefe und Komplexität aufwies. (Einer von beiden trug eine Krähe auf der Schulter und hatte ein im Dunkel glühendes Auge, der Verfasser hat aber vergessen welcher.)

In einem Dorf wie diesem, bei dem zur Fronleichnamsprozession in den meisten Hauseingängen Blumenmosaiken ausgelegt und Hausaltäre aufgestellt werden, das von viel Nichts und Feldern und Dörfern gleichen Gepräges umgeben ist, bei dem der Blick aus dem Wohnzimmerfenster auch nichts weiter Aufregendes als den Blick auf das Pfarrhaus bietet, ist es nur natürlich, das in dem fantasiebegabten Geist schon früh die Neigung zur Erfindung ausschweifender Geschichten und zur Mythenbildung keimt. Daher vielleicht die frühe Neigung zu Dylan Thomas und die Faszination für seinem “Under Milkwood”.  Anders als der Waliser hat Horus W. Odenthal jedoch nie in seinem Leben einen Tropfen Alkohol angerührt. 

Jedenfalls keinen schlechten.

Okay, manches Zeug war schon ziemlich übel, aber er war jung und brauchte den Rausch.

Andere, die hier aufwuchsen, sahen den Zweck ihrer Jugend in Kirmesschlägerei-Tourismus und dem Verfassen dementsprechender Sagas, aber die sind heute vergessen; man kennt das schon: unsaubere Reime, hohler Pathos, die Begeisterung für die falschen Dinge – mal ganz abgesehen von grottentiefer Banalität und … naja, sie waren eben turbinenscheiße und wen interessiert schon so eine schwachsinnige gequirlte Kacke?

(Okay: Ausnahmen! Sean McGowan ist ein Gott.)

Bald zog Horus W. Odenthal nach Bedburg (einer Stadt, oder besser einem idyllischen Städtchen in der Westdeutschen Eastbumblefuck-Tiefebene), mit einem Schloss, einem wunderbaren Schlosspark, in dem man sich mit einem Buch in der Hand verlieren konnte, einem damals ausgedehnten, heute von einem Tagebau betreibenden Energieversorger fast komplett wie mit einem Schlachterbeil amputierten Wäldchen, das Johanneslust hieß, und einer für einen Flecken dieser Art fast sensationellen Kneipen-, Spelunken- und Diskothekendichte (findet der Biographierte im Rückblick, damals schien ihm alles nur verdammt mega-öde). Die Lokalitäten hießen Harlekin, Marquis, Ici, Kakadu oder Saal Breuer; es war eben die Zeit, und man konnte Diskjockeys regelmäßig auf die Palme bringen, indem man sie fragte, ob sie nicht mal „Almost Independence Day“ (Van Morrison, 10:38 min.) spielen könnten. Damals hieß ein Diskjockey noch Diskjockey und wurde nicht abgekürzt, und ein Habbag war ein Habbag (Wortauthentizität belegt in „Theo gegen den Rest der Welt“).


Schloss Bedburg


Horus W. Odenthal hatte das Glück, auf den dortigen Schulen auf Pädagogen einer seltenen Art zu treffen, nämlich solche, die in der Lage waren ihr Fachgebiet so zu vermitteln, dass ihre Begeisterung und ihr Enthusiasmus auch auf ihre Schüler übersprang. Der meistgebrauchte Satz einer seiner Englischlehrerinnen ist ihm heute noch eine Lebensmaxime: “Please don’t generalize.” Wenn es um die Schulzeit geht, betrachtet er sich heute als “verdammt glücklich”, auf Menschen getroffen zu sein, die seine Neigungen und Interessen hegten und nährten.

Sein Grafikstudium zog ihn in den Gravitationsschacht von Aachen, der noch heute seinen Einfluss auf ihn ausübt. Das Studium an der dortigen Fachhochschule machte ihn zum Autodidakten und seine Bemühungen, dem Geschichtenerzählen die sinnliche Komponente des Zeichnens hinzuzufügen (das Kratzen einer Feder auf Papier und die Wunder, die dies hervorbringt), machten ihn zum Comic-Zeichner und -Autor.

Im Comic war er hauptsächlich ein Erzähler, jemand der davon ausgeht, die Gestaltung eines Comics müsste derart ausgelegt sein, dass man sowohl mit Worten als auch mit Bildern Geschichten schreibt. Er veröffentlichte seine Werke in Deutschland und den USA. Zu  Amerika hat er heute noch eine große Liebe und Affinität, besonders dem Südwesten mit seiner Küste aber auch besonders den Wüsten, deren mythische Macht ihn gefangen genommen aber nicht besiegt hat. Auf sein Verhältnis zur Wüste angesprochen, äußert er nicht mehr, als dass sie beide einen Pakt miteinander geschlossen haben, den faustisch zu nennen er aber vehement verneint.

Nach etlichen Comics, von denen einige für Preise nominiert wurden, einige glücklicherweise auch einen Preis erhielten, der dem Autoren und Zeichner nicht peinlich war, nach vielen Überlegungen zur Theorie des Comics, entdeckte Horus W. Odenthal, dass dieses Medium ihm Bedingungen auferlegte, die er als Beschränkungen seiner natürlichen Entwicklung empfand.

Also setzte er mit seiner Frau zwei Zwillingstöchter in die Welt, Zoe und Grace, die sowohl heute als auch in Zukunft als seine besten Werke gelten müssen, und fing nach einer Babypause an, Romane zu schreiben. Er ist der Meinung, dass es, um einerseits großartig unterhalten zu werden und andererseits Qualität und Anspruch zu finden, nicht notwendig sein sollte, zwei verschiedenen Bücher zu lesen und dass mit einem Buch, das nur das eine aber nicht das andere leistet, irgendetwas nicht stimmen kann, dass Unterhaltung das Zentrum eines jeden Buches bildet und das nur die Definition von Unterhaltung bei jedem anders ist …

Bei genauerer Betrachtung möchte er diesen Satz nicht zu Ende geführt und das Gesagte nicht generalisiert sehen; bei genauer Betrachtung stellt er fest, dass sein Inhalt nur seiner Hoffnung an das Gute im Menschen entspringt: 

Manche Leser sind wahrscheinlich einfach nur miesepetrige Masochisten und haben ihre Lektüre durchaus verdient. Er wünscht ihnen dennoch alles Gute! Er glaubt außerdem, dass man mit einer gewissen Berechtigung zu der Haltung kommen kann, das Feuilleton- und die Literaturbeilagen bildeten einfach einen sehr speziellen Zirkel von Nerds, deren liebstes Genre sehr speziell, klein und eingeschränkt ist.

Horus W. Odenthal liebt gute Biere – englische real ales, God bless Wetherspoon’s (z.B. Swordfisch), amerikanische, die aus der Erfolgswelle der Mikro-Breweries hervorgegangen sind (z.B. Doghead Fish Red Indian Ale), belgische ohne ausufernde sekundäre Fermentierung oder eben frisch gezapft (wie z.B. Valle Dieu Grand Cru – diesmal kein Fisch im Namen) auch gelegentlich ein fränkisches Kellerbier oder Rauchbier (ich will hier keine Brauerei oder keinen Bauernhof, der sein eigenes braut, besonders herausheben) oder ein bayrisches (z.B. Das Frühlingsbier der Postbrauerei Nesselwang). Äh, und anders als der walisische Dichter hat Horus W. Odenthal sich zumindest noch nicht an dem Zeug tot gesoffen.

Sein Debüt-Roman “Ninragon” erscheint 2012 in drei Teilen als eBook. Er schreibt, wo immer er sich gerade mit seiner Frau und seinen hinreißenden, betörenden Töchtern aufhält, an weiteren Projekten – viele werden folgen. Projekte, nicht Töchter – die Welt kann nur ein begrenztes Maß an Schönheit ertragen.

Er misstraut zutiefst Menschen, die von sich selber in der dritten Person sprechen.